Siegenia erweitert sein Portfolio über klassische Beschläge hinaus und setzt verstärkt auf Lüftungstechnik für Wohngebäude. Der Hintergrund: Steigende Energiekosten, verschärfte gesetzliche Anforderungen und die zunehmende Luftdichtheit moderner Gebäude schaffen einen wachsenden Markt für kontrollierte Wohnraumlüftung. Was auf den ersten Blick wie eine Nischen-Disziplin wirkt, entwickelt sich für Hersteller wie Siegenia zunehmend zu einem strategischen Geschäftsfeld.

Warum Lüftungstechnik im Fensterbau relevant wird

Moderne Fenster mit Dreifachverglasung und optimierten Dichtungen senken zwar die Heizkosten, reduzieren aber zugleich den natürlichen Luftaustausch drastisch. Was in der Energiebilanz ein Vorteil ist, führt in der Praxis oft zu Schimmelbildung, erhöhter CO₂-Konzentration und gesundheitlichen Beschwerden. Die Folge: Kontrollierte Lüftungssysteme wandern von der Kür zur Pflicht – in Neubauten faktisch, in Sanierungen zunehmend empfohlen.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen verschärfen sich kontinuierlich. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) fordert bereits heute ein Lüftungskonzept für Neubauten. In Österreich setzt die OIB-Richtlinie 6 ähnliche Maßstäbe. Für Fensterbauer und Verarbeiter bedeutet das: Wer Fenster verkauft, muss künftig auch Lösungen für die Frischluftzufuhr anbieten – oder überlässt das Geschäft anderen Gewerken.

Siegenias Ansatz: Raumkomfort als Systemlösung

Siegenia bewirbt seine Lüftungstechnik unter dem Label „Raumkomfort" und verknüpft mechanische Lüftungsgeräte mit Fensterbeschlägen und Automatisierungstechnik. Der Ansatz: dezentrale Lüftungsgeräte, die sich in Fenster- oder Fassadenöffnungen integrieren lassen, kombiniert mit motorischen Antrieben für automatisches Lüften über die Fensterflügel.

Das Produktspektrum reicht von einfachen Fensterlüftern mit Wärmerückgewinnung bis zu vernetzten Systemen, die per App gesteuert werden können. Die Geräte sollen Wärmeverluste minimieren, indem sie die Abluft nutzen, um die einströmende Frischluft vorzuwärmen. Je nach Ausführung erreichen solche Systeme Wärmerückgewinnungsgrade von 70 bis über 90 Prozent – ein entscheidender Faktor für die Energiebilanz und die Akzeptanz bei Bauherren.

Technische Herausforderungen und Praxistauglichkeit

Die zentrale Frage bleibt: Halten die Systeme, was die Branche verspricht? In der Praxis zeigen sich drei Hürden: Erstens die Akustik. Dezentrale Lüftungsgeräte können bei hoher Lüfterstufe hörbar sein, besonders in Schlafzimmern. Zweitens die Wartung. Filter müssen regelmäßig gewechselt werden – ein Faktor, der in der Planung oft unterschätzt wird. Drittens die Integration in bestehende Bausubstanz. Nicht jede Fassade bietet Platz für größere Lüftungsgeräte, nicht jede Sanierung erlaubt Kernbohrungen.

Siegenia reagiert auf diese Einwände mit kompakteren Bauformen und Geräten, die sich in Standard-Fensterkonstruktionen oder Blendrahmen einfügen lassen. Die Montage soll ohne Spezialwerkzeug möglich sein, die Inbetriebnahme über digitale Assistenten vereinfacht werden. Wie gut das in der Breite funktioniert, hängt allerdings stark von der Schulung der Verarbeiter und der Qualität der Projektierung ab.

Marktchancen: Regulierung trifft auf Energiekrise

Die Nachfrage nach Lüftungstechnik steigt messbar. Laut Branchenbeobachtern wächst der Markt für dezentrale Wohnraumlüftung in Deutschland jährlich im zweistelligen Prozentbereich. Treiber sind neben den Bauvorschriften die gestiegenen Heizkosten: Wer dreifach verglaste Fenster einbaut, will den Energiegewinn nicht durch unkontrolliertes Fensterlüften verschwenden. Zudem fördert die BEG-Förderung Lüftungsanlagen als Einzelmaßnahme – ein Anreiz, der die Investitionsbereitschaft steigert.

Für Hersteller wie Siegenia, aber auch Roto Frank oder Schüco, die ebenfalls Lüftungslösungen anbieten, eröffnet das neue Vertriebskanäle. Fensterbauer, die bislang nur Profile und Beschläge verkauften, können ihr Angebot erweitern und Sanierungsprojekte ganzheitlicher begleiten. Die Margen sind attraktiv, die Bindung zum Endkunden enger. Doch die Konkurrenz wächst: Klassische Lüftungsspezialisten und Smart-Home-Anbieter drängen ins gleiche Segment.

Herausforderungen: Komplexität und Vermarktung

Die größte Hürde ist die Komplexität. Kontrollierte Wohnraumlüftung erfordert planerisches Know-how: Luftmengen müssen berechnet, Geräte dimensioniert, Schallwerte eingehalten werden. Viele kleinere Fensterbaubetriebe verfügen nicht über diese Kompetenz – und scheuen die Haftungsrisiken. Wer ein Lüftungssystem falsch auslegt oder montiert, riskiert Reklamationen, Schimmelschäden und juristische Auseinandersetzungen.

Hier setzt Siegenia auf digitale Planungstools und Schulungsangebote. Ziel ist, Verarbeitern den Einstieg zu erleichtern und die Fehlerquote zu senken. Ob das ausreicht, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Der Erfolg hängt auch davon ab, wie gut es gelingt, Architekten, Energieberater und Bauherren von den Vorteilen zu überzeugen – und die Skepsis gegenüber „technikintensiven" Lösungen abzubauen.

Fazit: Lüftung als strategisches Feld

Die Positionierung von Siegenia im Lüftungsmarkt ist nachvollziehbar und folgt einer klaren Logik: Wo luftdichte Fenster zur Norm werden, braucht es kontrollierte Frischluftzufuhr. Die Technik ist ausgereift, die Nachfrage steigt, die Regulierung schafft Rückenwind. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, komplexe Systeme marktfähig zu machen und Verarbeiter mitzunehmen. Ob Lüftungstechnik für Siegenia zum zweiten Standbein wird, entscheidet sich nicht im Produktkatalog, sondern auf der Baustelle – und in der Zufriedenheit von Nutzern, die ein System jahrelang wartungsfrei und leise betreiben wollen.

Für Fensterbauer bedeutet die Entwicklung: Wer heute nur Fenster verkauft, verliert morgen Marktanteile. Die Zukunft gehört Systemlösungen, die Wärmeschutz, Tageslicht und Raumklima zusammendenken – und Lüftung als selbstverständlichen Bestandteil begreifen.

Quellen